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Else Ury und Nesthäkchen – Alte Inhalte der Seite.

Nesthäkchen war von Beginn an vom Meidinger Verlag als Reihe geplant, ohne daß jedoch die genaue Zahl der Bände festgelegt war. Der große Erfolg ließ Else Ury schließlich zehn Nesthäkchen – Bände schreiben.

In einem ersten Bogen erstrecken sich die Nesthäkchen – Erzählungen von der Vorschul- , damals Puppenmutterzeit genannt, über die Schulzeit, das – abgebrochene – Studium bis zur Verheiratung Annemaries. Eigentlich könnte damit, mit Band 6, die Reihe schließen, da das Programm der traditionellen Mädchenliteratur erfüllt ist. Aber es beginnt ein zweiter, schließlich ein dritter Erzählbogen, in dem erst von Nesthäkchens Kindern, bei denen es auch wieder ein Nesthäkchen gibt, und schließlich von deren Enkeln erzählt wird.

Im letzten Band gibt es einen kaleidoskopartigen Überblick über die aktuelle familiäre Situation der mit der Heldin verwandten und befreundeten oder mit ihren Verwandten oder ihren Freunden befreundeten oder wiederum verwandten Personen.

Der gesamte Zyklus spielt, anfangs zum Teil exakt datiert 1908 und endet, folgt man dem Altern Nesthäkchens auf realistische Weise, 1975. Es lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, daß Else Ury die ersten vier Bände kurz vor und während des ersten Weltkriegs geschrieben hat. Band vier – Nesthäkchen und der Weltkrieg – ist mit Sicherheit, vor allem der Darstellung und Beurteilung des bisherigen Kriegsverlaufs zufolge, 1916 entstanden, Band eins und drei dann aller Wahrscheinlichkeit nach in den Jahren zuvor.

Entweder wurden die Bände gleich publiziert, erschienen dann also in den Jahren 1913 bis 1916, oder sie wurden wegen Papierknappheit oder anderen Verlagsschwierigkeiten erst nach Kriegsende, sehr wahrscheinlich 1921 veröffentlicht.

Von jedem Band wurden bis 1933 mehrere hunderttausend Exemplare verkauft; bis heute, Originalausgaben und Bearbeitungen zusammen, beträgt die Gesamtauflage über 7 Millionen.

Viele der Titelblätter und Abbildungen in den Originalausgaben betonen schon in Nesthäkchens frühen Jahren das selbstbewusst Weibliche. Nesthäkchen ist zumeist in graziöser Pose dargestellt, kokett und charmant, mit einer nicht zu übersehenden Erotik ausgestattet, die im Text nirgendwo so direkt angesprochen wird, gleichwohl – unterschwellig – und deswegen vielleicht umso wirkungsvoller – vorhanden ist. Die Abbildungen der späteren Auflagen haben diese Charakterisierungen restlos getilgt und Nesthäkchen mal zu einer biederen Hausfrau, mal zu einer geradezu androgynen Figur werden lassen, der nichts ferner ist, als espritvolle Weiblichkeit.

Bei der Nesthäkchen – Reihe ist eine auffallende Zweiteilung zu beachten. Die Geschichte spielt in den ersten fünf Bänden zwischen ca. 1908 und 1920, d.h., sie verarbeitet, wie auch immer für das Nesthäkchen – Schicksal funktionalisiert und verharmlost, jüngste Vergangenheit und Gegenwart: Wilhelminismus, Kaiserzeit, Kriegsausbruch, erster Weltkrieg, Nachkriegselend, Kämpfe zu Beginn der Weimarer Republik. Diese sind retrospektiv geschrieben.

Dann aber überholt  Nesthäkchen die Geschichte, lebt in den dreißiger, vierziger, fünfziger Jahren, aber sie kann – naturgemäß – nichts mehr an tatsächlicher Geschichte erleben. Die Bände verlieren sich in zeitlosem Idyll oder, anders gesagt, in einer synthetischen Mischung von Versatzstücken aus 19. und frühem 20. Jahrhundert, einem mit Telefon und Auto ausgestattetem Biedermeier.

Die Heldin übertrifft ihre Autorin an Lebensjahren, an Erfahrungen, an Zeitgenossenschaft. Dies hat erzähltechnische Komplikationen zur Folge. Mit dem Ende des Bandes fünf – Nesthäkchens Backfischzeit – spielt die Reihe in der Zukunft.

Ende der 40er Jahre kaufte der Hoch – Verlag dem seit den dreißiger Jahren nicht mehr produzierenden Meidinger Verlag die Rechte an den Nesthäkchen – Bänden ab. Er läßt sie bearbeiten und ab 1950 in rascher Folge , bis auf Nesthäkchen und der Weltkrieg, erscheinen. Eine weitere, aber nur leicht modifizierte Überarbeitung gibt es seit den siebziger Jahren.

Zwei Bearbeitungsformen sind zu nennen, eine eher formaler, eine inhaltlicher Art. Erstens werden unzählige Adjektive, adverbiale Bestimmungen und Nebensätze gestrichen; gekürzt, oft sogar extrem gerafft werden auch die meisten Dialoge. Alles, was über den reinen Handlungsverlauf hinausgeht, was aber eigentlich der differenzierten Personendarstellung dient, was zur Milieuschilderung, zum Kolorit und zur Lebhaftigkeit beiträgt, ist als umständliche Altmodischkeit getilgt. Der Text wird schneller, effizienter und damit moderner.

Alle heute erscheinenden Bände enthalten höchstens 80 %, gelegentlich nur 70% des Originaltextes, einzelne Kapitel bestehen aus weniger als der Hälfte des ursprünglichen Textes. Rechnet man den komplett gestrichenen Band vier mit ein, dann kann man sagen, daß die heutigen Ausgaben der Nesthäkchen – Reihe nur noch zwei Drittel des Originaltextes enthalten. Wer also heute Nesthäkchen liest, sollte sich bewusst sein, daß er keinen original Ury – Text vor sich hat.

 Zweitens wird der Text nicht nur formal, sondern auch inhaltlich moderner. Das betrifft zum einen den Austausch von heute etwas unbekannteren Wörtern durch gebräuchlichere. Das betrifft zum anderen aber hauptsächlich die restlose Tilgung – oder Verfremdung – aller genauen historischen Bezüge, vor allem in den Bänden drei bis fünf: Namen, Daten und Ortsbezeichnungen fallen weg. Die Reihe spielt jetzt nicht mehr im Kaiserreich, während des Ersten Weltkrieges, dann in der Weimarer Republik, sondern in einem fiktiven Deutschland.

Heißt es beispielsweise im Original: "Österreich hatte Serbien den Krieg erklärt. Das brachte die Gemüter in Aufruhr. Oder vielmehr die Möglichkeit, daß Deutschland als Österreichs Bundesgenosse, falls Rußland feindlich vorging, in den Krieg mit hineingezogen werden könnte" (Band 3, 1915, S,168) so ist das  in der Bearbeitung auf einen zusammenhanglosen Satz geschrumpft: "Grenzzwischenfälle verdichteten das Gerücht eines bevorstehenden Krieges" (Band 3, 1986, S.95)

Krieg, gesellschaftliche Umbrüche und Notzeiten werden begriffloser, werden unfaßbarer gemacht. Mit den Kürzungen und dem kompletten Streichen des vierten Bandes wird Geschichtslosigkeit erreicht.

1983 strahlte das ZDF zur Weihnachtszeit eine sechsteilige Fernsehbearbeitung des Nesthäkchens aus. Die erste Folge wurde bereits von 9 Millionen Zuschauern gesehen, die fünfte schließlich von 12,6 Millionen. Interessant ist die Altersverteilung, denn den 2,3 Millionen Zuschauern unter 14 Jahren standen 10,3 Millionen über 14 Jahren gegenüber.